Die Standardantwort auf zu wenig Neugeschäft lautet: mehr Kontakte. Mehr Veranstaltungen, mehr Netzwerktreffen, mehr Verbindungen auf LinkedIn. Der Gedanke dahinter ist naheliegend – wer mehr Menschen kennt, wird öfter empfohlen. Nur stimmt er nicht. Berater mit 900 Kontakten bekommen regelmäßig weniger Empfehlungen als Kollegen mit 200. Der Unterschied liegt nicht in der Menge, sondern darin, ob ein Kunde überhaupt in der Lage ist, dich weiterzugeben.
Eine Empfehlung passiert nicht bei dir, sondern in einem Gespräch ohne dich
Das ist der Punkt, den fast alle unterschätzen. Die Empfehlung entsteht nicht, wenn du beim Kunden im Wohnzimmer sitzt. Sie entsteht Wochen später, in einer Kaffeepause, beim Elternabend, im Kollegengespräch. Jemand sagt einen Satz wie „Wir wissen nicht, ob unsere Absicherung noch passt" – und dein Kunde hat genau zwei Sekunden, in denen ihm etwas einfällt. Oder eben nicht.
In diesen zwei Sekunden hilft dir kein gutes Beratungsgespräch und keine sympathische Ausstrahlung. Es hilft nur eine einzige Sache: dass dein Kunde ein Stichwort im Kopf hat, das zu der Situation passt, die gerade beschrieben wurde.
„Ich mache alles für jeden" ist kein Stichwort
Wenn du Privatkunden, Selbstständige, Gewerbe, Altersvorsorge, Baufinanzierung und Krankenversicherung machst, bist du fachlich breit aufgestellt. Für deinen Kunden bist du damit aber nur „irgendwas mit Finanzen". Und „irgendwas mit Finanzen" fällt niemandem in zwei Sekunden ein, weil es zu keiner konkreten Situation gehört.
Vergleich das mit einem Kollegen, der bekannt dafür ist, Beamtinnen und Beamte zu beraten. Sobald im Lehrerzimmer jemand sagt „Ich werde nächstes Jahr verbeamtet und blicke bei der Absicherung nicht durch", ist der Satz da: „Ruf mal den an, der macht das nur für Beamte." Nicht weil er besser berät. Sondern weil er abrufbar ist.
Empfohlen wird nicht, wer am meisten kann. Empfohlen wird, an wen man sich im richtigen Moment erinnert.
Spezialisierung macht die Empfehlung leicht – für den Empfehler
Weiterempfehlen ist für deinen Kunden mit einem kleinen Risiko verbunden. Er legt seinen guten Ruf bei einem Freund, einer Kollegin, einem Nachbarn in die Waagschale. Wenn du enttäuschst, fällt das auf ihn zurück. Genau deshalb empfehlen Menschen zögerlich, wenn sie nicht sicher sind, ob du für den konkreten Fall der Richtige bist.
Eine klare Nische nimmt dieses Risiko weg. Wenn dein Kunde weiß, dass du dich auf junge Familien mit Immobilie spezialisiert hast, muss er nicht abwägen. Er erkennt die Situation, er erkennt die Zuständigkeit, er gibt weiter. Die Spezialisierung ist damit weniger ein Marketinginstrument als eine Entlastung für den Menschen, der dich empfehlen soll.
Der Einwand: „Dann schließe ich doch Leute aus"
Das ist der häufigste Grund, warum die Entscheidung nicht getroffen wird. Rechnen wir sie nüchtern durch.
Angenommen, du betreust 200 Haushalte quer durch alle Zielgruppen. Bei allgemeiner Positionierung empfiehlt dich vielleicht jeder zwanzigste im Jahr aktiv weiter – das sind zehn Empfehlungen. Legst du dich auf eine Gruppe fest, in die 60 deiner Kunden fallen, und wirst dort zum naheliegenden Ansprechpartner, empfiehlt dich in dieser Gruppe erfahrungsgemäß jeder fünfte. Das sind zwölf Empfehlungen – aus weniger als einem Drittel deines Bestands, dazu passgenauer und mit kürzeren Beratungswegen.
Du schließt niemanden aus. Du hörst nur auf, für alle gleich unsichtbar zu sein.
Woran du merkst, dass deine Positionierung zu breit ist
- Deine Kunden beschreiben dich mit deinem Beruf, nicht mit deinem Thema: „Der macht Versicherungen."
- Empfehlungen kommen unregelmäßig und ohne Muster – mal Baufinanzierung, mal Kfz, mal Rente.
- Du erklärst in Erstgesprächen häufig erst einmal, was du überhaupt machst.
- Du konkurrierst fast nur über Sympathie und Preis, weil dich sachlich nichts von der Kollegin zwei Straßen weiter unterscheidet.
Was du in den nächsten zwei Wochen tun kannst
- Ruf fünf zufriedene Kunden an und frag sie wörtlich: „Wenn du mich jemandem empfehlen würdest – wie würdest du beschreiben, was ich mache?" Schreib die Antworten mit, ohne zu korrigieren.
- Vergleiche die fünf Antworten. Wenn sie stark auseinandergehen, hast du deine Antwort: Es gibt kein Stichwort, das du besetzt.
- Schau in deinen Bestand: Welche zwanzig Kunden haben dir am wenigsten Arbeit gemacht und am meisten Ertrag gebracht? Was haben die gemeinsam?
- Formuliere daraus einen einzigen Satz, den ein Kunde nachsprechen kann. Nicht für deine Website – für das Lehrerzimmer.
Was eine Nische nicht ist
Drei Missverständnisse halten die Entscheidung am häufigsten auf.
- Eine Nische ist kein Produktschwerpunkt. „Ich mache viel Berufsunfähigkeit" beschreibt deine Vertriebsstatistik, nicht deine Zielgruppe. Kunden denken nicht in Produkten, sondern in Situationen.
- Eine Nische ist kein Werbespruch. Sie muss nicht auf dem Briefpapier stehen, sondern im Kopf deiner Kunden. Entscheidend ist, was sie sagen – nicht, was du druckst.
- Eine Nische ist kein kleiner Markt. Allein im öffentlichen Dienst arbeiten in Deutschland Millionen Menschen. „Eng" heißt klar abgegrenzt, nicht wenige.
Der Praxistest ist immer derselbe: Kann ein Kunde in einem Satz sagen, für wen du arbeitest, und fällt einem Dritten daraufhin sofort jemand ein? Dann hast du eine Nische. Alles andere ist eine Absichtserklärung.
Fazit
Ein größeres Netzwerk vergrößert die Zahl der Menschen, die dich vergessen könnten. Eine klare Nische vergrößert die Zahl der Situationen, in denen dir jemand einfällt. Für den Umsatz ist die zweite Zahl die entscheidende – und sie wächst nicht durch mehr Kontakte, sondern durch mehr Klarheit.